Glasbläser Dr. Heinrich Geissler  
Geboren 1814   /   Gestorben 1879

Johann Heinrich Wilhelm Geissler, geboren am 26. 05. 1814 in Igelshieb, heute ein Ortsteil von Neuhaus am Rennweg in Thüringen, war der Ehrendoktor der Universität Bonn nicht in die Wiege gelegt. Auch nicht, dass er einer der Begründer der modernen wissenschaftlichen Glasinstrumententechnik und des Glasapparatebaus werden würde. Heinrich Geissler, der Erfinder der Geisslerschen Röhren, den Niedrigdruck Gasentladungsröhren, gilt in der Physik als Pionier der Elektrizitätslehre und Vakuumtechnik.

Geisslers Erfindungen sind die Vorläufer der modernen Leuchtstofflampen, der Glühlampen und Röntgenröhren. Für das evakuieren seiner Gasentladungsröhren hat er eine Quecksilber Vakuumpumpe erfunden, die heute zwar nur noch als historisch gilt, die aber eine für die damaligen üblichen Kolbenpumpen sehr grosse Verbesserung darstellte. Damals war ein Minimaldruck von 2 - 3 Torr erreichbar, mit der Geisslerschen Quecksilber-Glaspumpe nach dem Barometerprinzip konnte aber ein Druck von 0.008 Torr erzielt werden. Also eine Steigerung des Evakuierungsgrades um das Dreihundertfache.

Heinrich Geissler hatte einen schwierigen und weiten Lebensweg. Der Berufsbeginn als Glasbläser im elterlichen Geschäft, beim Vater, der als Glaskünstler, Perlenmacher und Handelsmann, aber auch mit der Herstellung von Glasinstrumenten begonnen hat, war gewiss kein Zuckerschlecken gewesen. Die Not in den Thüringer Dörfern war gross, der Beruf des Glasbläsers war für Heinrich Geissler eine Selbstverständlichkeit und kein Traumberuf. Der Status des Vaters als selbständiger Unternehmer war trotzdem für die damalige Zeit viel, denn die meisten Glasbläser arbeiteten in unselbständiger Heimarbeit. Übrigens wird in den Berichten über den Vater Heinrich Geisslers auch statt Unternehmer das Wort "Haustier" gebraucht. Keineswegs darf man das mit heutigen Begriffen und Vorstellungen verbinden. Es waren eben andere Zeiten und schmälert nicht seinen Verdienst und seine Stellung in der Geschichte.

Zum Weitblick des Vaters gehörte auch die Herstellung wissenschaftlicher Glasapparate, die er neben der Anfertigung von Perlen, besonders der teuren "Fischaugen", betrieb. Der Vater Heinrich Geisslers wanderte in den Deutschen Ländern, er hatte auf seinen Handelsreisen besonders Kontakte zu Göttinger Universitätsprofessoren. Die Anregung zum herstellen einiger wissenschaftlicher Glasinstrumente ist daraus entstanden. Vorher wurden die teuren Glasgeräte überwiegend im Ausland, vor allem aus der Stadt Paris in Frankreich eingekauft.

Heinrich Geissler verlässt etwa ab 1839 die Heimat, ein Jahrzehnt lang führt er ein unstetes Wanderleben. Viele Stationen seines Weges in verschiedenen deutschen Universitätsstädten sind bekannt. In den Niederlanden, in Den Hag, ist von 1845 bis 1847 sein Aufenthalt in der dortigen Meldekartei als "physikalischer Feinmechaniker" laut Chronik belegt. Als "Zünftiger Handwerker" galt er für die damalige Zeit nicht, denn der Beruf des Glasbläsers war kein Lehrberuf. Trotzdem könnten die Wanderjahre Geisslers zur Entfaltung der Persönlichkeit, seiner beruflichen Kenntnisse und späterer Erfolge nützlich gewesen sein.

Heinrich Geissler gründete ab 1850 in Bonn ein eigenes Geschäft. Er arbeitet mit Chemikern, Medizinern, Mineralogen, Physikern und Physiologen zusammen, fertigt Glasinstrumente nach ihren Angaben, vielfach werden es eigene, verbesserte Geräte und Messinstrumente, man sagt er sei Glasbläser, Unternehmer und Ingenieur in einer Person gewesen. Geisslers Firma nimmt an Weltausstellungen teil, im Jahr 1855 verleiht ihm die Jury in Paris eine Goldmedaille. Gelobt wurden Geisslers Instrumente wie Normalthermometer, Hypsometer (Höhenmesser), Vaporimeter (Alkoholgehaltsmessung in Flüssigkeiten mittels der Dampfspannung) sowie ein Hygrometer nach Daniell. Die Bandbreite der Geisslerschen Werkstätte war für die damaligen Naturwissenschaften und Medizin typisch, es gab noch keine Spezialisierung wie heute. Der Glasbläser musste im Instrumentenbau eine breite Palette seines Könnens, Wissens und nicht zuletzt auch Improvisierens haben. Wenn man die damaligen einfachen technischen Möglichkeiten des Glasblasens vor der Glasbläserlampe, dem Gasbrenner, und das gänzliche fehlen von Glasbearbeitungsmaschinen berücksichtigt, erkennt man die enorme Arbeitsleistung der Menschen dieser Zeit. Der Erfolg Heinrich Geisslers in Bonn, seine Innovationskraft, das hineindenken in komplizierte naturwissenschaftliche Vorgänge, macht ihn zum vielgefragten Mann. Mit dem Mathematiker und Physiker Julius Pflücker gibt er schon 1852 eine wissenschaftliche Abhandlung "Studien zur Thermometrie und verwandter Gegenstände" heraus. Viele Forscher benötigen Geisslersche Geräte, so benutzte auch Georg von Liebig 1853 Geisslersche Thermokonstruktionen zur vergleichenden Blutmessung. In der Geisslerschen Werkstatt war die Barometer und Thermometerfabrikation immer ein Kernstück, obwohl später viele andere Glasgeräte folgten. In der Zeit von1856 bis 1857 werden die Quecksilber - Vakuumpumpe und die Geisslerschen Röhren erfunden, aber nicht zum Patent angemeldet. Mit der Erfindung der Niederdruck-Gasentladungsröhren schafft Heinrich Geissler praktisch die instrumentelle Grundlage für Glimmlampen, Leuchtstoff-, Röntgen-, und Spektralröhren. Der Name "Geisslersche Röhren" stammt von Professor Julius Pflücker, der der sich mit der Thematik und Erfindung Geisslers besonders befasste. 1857 hält Professor Pflücker einen Vortrag "über die elektrischen lichtströmungen durch Räume, die verdünnte Gase enthalten und über die merkwürdigen Einwirkungen, welche dieselben durch den Magnet erhalten". Geisslers Innovation berute auf dem gasdichten Einschmelzen von Platinelektroden (Platindrähten) in die Röhren, der Variation des Füllgases (vorher kannte man nur Quecksilberdampf) und der Sichtbarmachung der Gasentladung durch ein verbessertes Vakuum (vorher war nur ein Grossvakuum möglich). Zwanzig Jahre vor Geissler hatte Michael Faraday ein "gläsernes elektrisches Ei" bereits zur Untersuchung der Stromleitung in Gasen, der Gasentladungen, benutzt, das aber die genannten Vorteile noch nicht aufwies. Physikalische Gesetzmässigkeiten konnten mit der Erfindung Geisslers erkannt werden. Spätere Erfindungen mit besserem Vakuum als sie mit der Geisslerschen Pumpe möglich waren, schufen dann die Grundlage für viele Röhrenkonstruktionen. Heinrich Hertz gelang mit Gasentladungsröhren beispielsweise der Nachweis der Durchdringungsfähigkeit der Kathodenstrahlen gegenüber Metallfolien (1892). Mit der Röntgenröhre gelang Wilhelm Conrad Röntgen die Entdeckung der X-Strahlen (1895).

Die Liste der Erfindungen, die auf die Geisslerschen Röhren zurückgehen, ist recht lang, die genannten Beispiele zeigen stellvertretend für andere die Pionierleistung Heinrich Geisslers.

Heinrich Geissler wurde zum 50-jährigen Jubiläum der Universität Bonn im Jahr 1868 zum Ehrendoktor ernannt.

1879 ist Heinrich Geissler in Bonn gestorben, er ist auf dem Historischen Friedhof der Stadt begraben.

Das Heimatmuseum in Neuhaus-Igelshieb am Rennweg in Thüringen trägt seit 1989 den Namen "Geisslerhaus". Es ist das Geburtshaus des Erfinders und Glasbläsers Heinrich Geissler. Im Heimatmuseum ist sein Leben und Werk dokumentiert und gewürdigt. Das Heimatmuseum zeigt auch die Entwicklung der einheimischen Industrie, des lampengeblasenen Hohl- und Massivglases sowie Glaskreationen von bekannten Glasgestaltern.

Heimatmuseum "Geisslerhaus"
Sonneberger Strasse 106
98724 Neuhaus am Rennweg